Günter Langenbergs Lyrikscheune


Aasgeruch
22. Oktober 2005, 19:47
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Am Fuße einer schwarzen Pappel
vernahm er heftiges Getrappel.
Es rannten bunte Käferscharen,
die offenbar in Eile waren,
in eine ganz bestimmte Richtung,
als handelten sie aus Verpflichtung.

Er warf die Kröte, die er schleckte,
ins Gras, weil sie ihm eh nicht schmeckte,
und folgte prompt den Käferhorden.
Nach Osten erst und dann nach Norden
zog es die tausend Tierchen fort
zu einem unbekannten Ort.

In seine Nase stieg ein Duft,
der bald erfüllte alle Luft.
So intensiv kam der Geruch,
dass ihm entfuhr ein leises Huch.
Was war des starken Miefes Quelle?
Was wollten Käfer an der Stelle?

Zusammen mit der Krabbelmeute,
die sich vor ihrem Ziel nicht scheute,
traf er auf einen Blumenkübel.
Dort war die Luft besonders übel.
Er stutzte und rief staunend: Hurz!
Vor ihm stand ’ne Titanenwurz,

die größte Blume auf der Welt.
Zwar ein Koloss, der sehr gefällt,
doch auch ein hundsgemeiner Stinker.
Er sah das Käferpack nie flinker
auf ein Objekt der Gier sich stürzen,
um Fraß mit Blütenstaub zu würzen,

als jetzt bei der Titanenwurz.
Bewundernd ging er einmal kurz
um diese Riesenblume rum.
Kein Aufenthalt ad libitum!
Der Aasgeruch der schönen Blüte
war wirklich allererster Güte.

Ihm ging’s nicht um Bestäubungsfragen,
wie all den Käfern. Da sein Magen
sich ob der schlechten Luft schon drehte,
verließ er schnell die Stinkwurz-Fete
und suchte sich ’ne neue Bleibe
im Schatten einer alten Eibe.

Dort saß er still und reflektierte
Erlebtes und Geträumtes, stierte
so vor sich hin und dachte dran,
was einem so passieren kann,
und fand die Grundidee nicht fein,
als Stinker populär zu sein.

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