Günter Langenbergs Lyrikscheune


Verschwurbelt
20. September 2017, 14:50
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Verschwurbelt ist ein schönes Wort.
Ich stell es auf mein Bücherbord
und schau es eine Weile an,
bis ich es farbig sehen kann.

Die Germanistik sei verschwurbelt,
schrieb einer, der gern Unsinn kurbelt.
Der Mensch als literarische
Figur steht klar und ohne Dreh

im Zentrum aller Germanistik.
Verschwurbelt – wie die Kabbalistik
zum Beispiel – kann sie drum nicht sein.
Was fällt mir zu verschwurbelt ein?

Verschwurbelt sind oft Diskussionen
und manchmal Talkshows, das Vertonen
naturgewaltiger Prozesse
und Mitteilungen an die Presse.

Verschwurbelt könnten wir ersetzen
durch andre Wörter, die wir schätzen,
wie kompliziert und umständlich,
verworren und chaotisch. Ich

halt lieber an verschwurbelt fest,
bewahr das Wort, vergess den Rest
und lass es auf dem Bücherbord
verstauben oder stell es fort.

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herbstzeug
8. September 2017, 19:30
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weit über uns ein sonnensturm
auf erden stört er funksignale
das lässt den kalten erdenwurm
so ungestört wie die totale

verfinsterung der sonne oder
des mondes und die alten bäume
vor unserm haus sind nicht maroder
als anderswo im land der träume

ein beispiel das vermutlich hinkt
doch der kastanienbaum gefällt
im herbst sich damit ganz distinkt
kastanien aus seiner welt

gelbbrauner blätter auf mein auto
zu werfen was dem anschein nach
als schlimm von diesem neuen auto
empfunden wird als ungemach

begreife ich das auch ich parke
das auto weniger riskant
und vor der eignen haustür harke
ich all das zeug recht imposant

zusammen um es dann von hand
in braune biotonnen zu
entsorgen weil ja sachverstand
dazugehört geradezu



Cool
27. August 2017, 13:15
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Ganz nah bei meinem Schreibtisch steht
mein kleiner Kühlschrank. Wenn er knackt,
läuft seine Kühlung. Manchmal geht
das gut mit mir, mal ist’s vertrackt.

Dann stört mich das Geräusch. Es nervt.
Mein Cool Cube mit dem ACϟDC-
Design ist trotzdem fett. Er schärft
die Sinne, sagt mir: Life is easy!

Mein kleiner Kühlschrank knackt ja nicht
ganz ohne Grund, denn er kühlt brav
mein Flaschenbier, hält immer dicht
und knackt auch weiter, wenn ich schlaf.



Gar nicht schwyrik
14. August 2017, 17:00
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Mein Kreis ist ein Quadrat
von schönster Rundlichkeit.
Die Wahrheit ist, dass jeder
sich seine eig’ne strickt.
Und da weht wohl der Hase
heut her. Kein Bier vor vier!
Der Klügere kippt nach.
Am Ende muss mal Schluss sein.
Der Steg ist unser Ziel,
doch über manche Brücke
ist’s weiter als zu Fuß.
Nicht jeder, der sich reinhängt,
mutiert sofort zum Teestrumpf.
Zusammen ist man immer
viel weniger allein.
Wobei: Das Schönste am
Gedächtnis sind die Lücken.
Du fasst mir an den Kopf
und greifst direkt ins Leere.
Auch blinde Hühner finden
ganz sicher ihren Schlachthof.
Ich schreibe, also leb ich.
Und Lyrik ist nicht schwyrik:
Spendiers’ du ihr drei Pils,
dann macht sie, was du wills’.
Vom Umme-Ecke-Denken
tut sich das Hirn verrenken.
Die Poesie ist ja
fast nichts, doch das total.
Drum soll man seine Kerze
nicht untern Eimer stellen.



Der Komet
11. August 2017, 18:30
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Es zieht ein Komet an der Erde vorbei.
Ich seh ihn ganz deutlich am nächtlichen Himmel.
Er strahlt sehr schön hell. Ohne Fantasterei:
Er glüht, und er hat einen gleißenden Pimmel,
den Schweif, wie die Fachwelt ihn zutreffend nennt.
Ich glaub, ich erleb einen großen Moment.

Es wird ein Komet oft auch Schweifstern genannt,
was jedenfalls besser als Pimmelstern klingt.
Kometen sind Asteroiden verwandt,
was mich jetzt rein faktisch nicht wirklich beschwingt.
Das Größte ist eben: Ich hab ihn gesehn
und darf ihn als Zeichen der Götter verstehn.



Gläsernes Leergut
25. Juli 2017, 19:30
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Recht sorgsam sammel Leergut ich.
Die Rede ist von leeren Flaschen.
Ich kenn mich aus, vertu mich nich’.
Sie landen in den richt’gen Taschen.
Die eine Tasche birgt die Flaschen,
die mir ein Flaschenpfand versprechen.
Die andre Tasche kriegt die Flaschen,
die im Container laut zerbrechen.

Die Flasche mit dem Schnappverschluss
ist wertvoll, und im Supermarkt
gibt’s Pfand darauf. So ist’s ein Muss,
sie einzulösen. Es erstarkt
mein ziemlich ausgeprägter Wille,
der Umwelt Gutes zu erweisen.
Was mich betrübt – selbst mit Promille -,
ist eine, die ich könnte preisen.

Ich könnte eine Flasche preisen,
die einen guten Wein enthielt.
Ihr Etikett kann klar beweisen,
auf was mein Memory noch zielt.
Und dass ich diese Flasche dann
in den Container werfen muss,
dass ich sie nicht versilbern kann,
ist ein erheblicher Verdruss.



Der Mond
10. Juli 2017, 14:00
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Der Mond ist weggegangen.
Nicht auf-, nicht unter-, weg-.
Er wird wohl neu anfangen,
sieht darin einen Zweck.

Trabant der Erde will er
auf keinen Fall mehr sein.
Er wünscht sich’s deutlich stiller
mit wen’ger Sonnenschein,

will eh’r im Dunklen bleiben
und sich ganz leise drehen,
anstatt perfidem Treiben
auf Erden zuzusehen.

Auch würd er’s gern vermeiden,
dass Menschen auf ihm landen.
Er kann das gar nicht leiden
und wär nicht einverstanden.

Die Flaggen, die man in
die Kraterhaut ihm stieß,
sind weiß schon oder hin.
Dass man sie stehen ließ,

gilt wohl als Machtbeweis.
Man wollte Flagge zeigen,
sich brüsten mit dem Scheiß.
Ein Grund, um auszusteigen,

um wegzugehen. Weg
ist jetzt der Mond gegangen,
bestrebt, an einen Fleck
der Ruhe zu gelangen.